Zeitzeugenbegegnung Nationalsozialismus - Werkrealschule Urphar-Lindelbach

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Zeitzeugenbegegnung Nationalsozialismus

"UrLi"
d i e   Hauptschule in der Region Wertheim

Die Verwandlung von Hass in Versöhnung
Shimon Schwarzschild wurde 1925 in Wertheim geboren. Bei der Machtergreifung 1933 veränderte sich sein Leben schlagartig. 1936 emigrierten seine Herkunftsfamilie und er in die USA, wo er bis heute in New York lebt. Nachdem er Wertheim bei der großen Einladung von Wertheimer Juden und ihren Nachfahren durch den damaligen Oberbürgermeister Karl Josef Scheuermann bereits 1975 besucht hatte, war er mit seiner Frau Naomi und seinem Neffen Benjamin Schwarzschild jetzt erneut hier zu Gast. An einem Tag besuchte er Dertingen, wo seine Familie viele Generationen lang lebte, bevor sie 1923 in die Tauberstadt zogen. Er stieß dort bei den um ihn versammelten Bewohnern Dertingens auf viel Erinnerung und Fotos (wir berichteten). Jetzt sprach er in der Aula der Comenius-Realschule in zwei Durchgängen vor insgesamt ca. 250 Schülern der Comenius-Realschule, der Gemeinschaftsschule und der Hauptschule Urphar-Lindelbach.

Schwarzschilds Hauptbotschaft war, Hass in Freundschaft und Versöhnung zu verwandeln. Er habe erst Mitte der 1970er-Jahre erkannt, dass er sich nicht anders als die Nazis verhalten würde, wenn er ganze Menschengruppen, wie „die Deutschen“, verurteile, wie dies die Nazis mit den Juden, aber auch mit sogenannten „Zigeunern“ oder Behinderten gemacht habe. Mitten in diesen Erkenntnisprozess hinein sei eine Einladung von OB Scheuermann gekommen, Wertheim zu besuchen. Dies Zusammentreffen sei ihm wie ein „Mirakel“ vorgekommen. Ab da sei er zunehmend vom Hass befreit worden und empfinde heute nur noch Versöhnlichkeit und Freundschaft. Er lade alle Schüler zu ihm nach New York ein. In New York, bei ihm „um die Ecke“ gebe es ein kleines Hotel, wo sie wohnen könnten, um mit ihm die Zeit zu verbringen.

Es war Shimon eine große Freude, wie die Schüler ihn mit Fragen überhäuften. Die Eröffnungsfrage stellte Silas aus Klasse 9 der Hauptschule Urphar-Lindelbach. Wie es für ihn gewesen sei, als er von Deutschland nach Amerika gekommen sei. Er habe Cowboys und Indianer erwartet, sagte Shimon, aber nie welche gesehen. Das habe ihn überrascht. Dann sei er mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Walter, in eine 4. Klasse gesteckt und nebeneinander gesetzt worden. Im Flüsterton hätten sie sich gegenseitig geholfen, wenn einer etwas nicht verstanden hätte. Nach einem halben Jahr hätten beide fließend englisch gesprochen. Auch die Mutter hätte als Verkäuferin schnell gelernt. Nur der Vater, der damals in der Weltwirtschaftskrise keine Arbeit gefunden hätte, hätte die fremde Sprache sein Leben lang nicht mehr wirklich gelernt. Was genau ihn dazu gebracht habe, 1936 in die USA zu fliehen? Der allgemeine Terror gegen Juden sei zermürbend gewesen, der „Tricker“ seien aber die körperlichen Übergriffe auf ihn und seine Eltern gewesen. Sein Vater wäre sogar in „Schutzhaft“ genommen worden. Er selbst sei von seinen Klassenkameraden, die vor 1933 beste Freunde waren, verprügelt worden und oft blutig nach Hause gekommen. Zu ihm gehalten habe nur ein Mitschüler, der gehbehindert war und deshalb ebenfalls nicht in die „Hitlerjugend“ aufgenommen worden sei.

Eine weitere Hauptbotschaft Shimons für die Schüler war, im eigenen Leben alles zu vermeiden, was Krieg und Gewalt befördert. Er sei nach dem Krieg Elektroingenieur gewesen, habe aber bemerkt, welcher hohe Anteil des Haushalts der USA der Rüstung diente. Gerade der Bereich Technik, in dem er als Ingenieur arbeitete, trage dazu bei. Er habe daher beschlossen, seine Karriere aufzugeben und habe sich hinfort für den Schutz der Natur eingesetzt. Schwarzschild leitete ab da und bis heute weltweite Kampagnen zum Schutz von Walfischen, gründete in Assisi in Italien eine Organisation zum Schutz und gegen die Tötung von Singvögeln. Vorbild war ihm Franz von Assisi, der sich der Legende nach im 12. Jahrhundert mit den Vögeln sogar unterhalten konnte. So wurde Schwarzschild für die USA das, was Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann für Deutschland waren. Shimon ermutigte die Schüler, den Mut zu haben, sich immer wieder zu verändern und Dinge zu unterlassen, die sie nicht mehr möchten sowie stattdessen zu tun, wovon sie überzeugt seien. Shimon verwies auf seine Umwelt-Organisation Action for Nature in San Francisco, die Preise auslobt und ermutigte die Schüler, dort eigene Aktionen anzumelden und vielleicht einen Preis zu gewinnen und von ihm persönlich in den USA übereicht zu bekommen.

Schließlich ermutigte Shimon die Schüler, wie er „trouble maker“ zu sein, aber immer in einem positiven, aufbauenden Sinn. Unannehmlichkeiten machen sei wichtig, wenn es darum geht, das Schwache zu retten. Sich selbst und andere zu „retten“ sei zu einem Lebensthema von ihm geworden. Sein Vater habe immer ein Lied von „Ronaldini“ gesungen, einer Art Robin Hood, der sich für die Schwachen und Entrechteten einsetzte und hierfür den Herrschenden viel Unannehmlichkeiten bereitete. Er zeigte den Schülern einen kurzen Trailer, in dem er dieses Lieblingslied seines Vaters anstimmte. Selbst im Raume sitzend, lachte er darüber mit den Schülern und gewann so ihre Herzen. Übrigens soll der Trailer, mit wunderbaren Aufnahmen des alten Wertheim und Dertingen zu einem Dokumentarfilm werden, der als Kinofilm in den USA bekannt werden soll. Dieter Fauth, der die Veranstaltung moderierte, lud schon jetzt Shimon nach Wertheim ein, wenn dieser Film dann auch hier in der Stadt gezeigt werden würde.

Aber auch die zahlreich anwesenden Erwachsenen hatten Fragen: Ömer Akbulut sagte Shimon, dass auch er als 10jähriger in einem neuen Land mit fremder Sprache neu beginnen musste, als er ca. 1970 von der Türkei nach Deutschland übersiedelte. Was er, Shimon, den Deutschen denn heute empfehlen würde, wie mit Geflüchteten umgegangen werden solle. Shimon lobte die Asylpolitik Deutschlands und bedauerte, wie sehr sich die USA im Vergleich dazu heute abschotteten. Möglichkeiten zu bieten, die Sprache zu erlernen, sei das Wichtigste. Mit Interesse hörte er von den Vorbereitungsklassen an Wertheimer Schulen, in denen geflüchtete Kinder zunächst Deutsch lernen, um dann Schritt für Schritt am Unterricht der Regelklassen teilzunehmen.

Nach konzentrierten 90 Minuten wurde die Veranstaltung unter viel Beifall für Shimon beendet. Er verabschiedete noch viele Schüler per Handschlag und stellte sich für ein Klassenfoto sowie für Selfies zur Verfügung.
 Dieter Fauth
Gruppenaufnahme Zeitgeschichte Projekt Werkrealschule Urphar-Lindelbach
Fotolegende:
 
Der Wertheimer Shimon Schwarzschild (* 1925) mit der Abschlussklasse der Hauptschule Urphar-Lindelbach, vlnr: Erkan Cetin, komm. Schulleiter Dieter Fauth, Julian Schreyer, Kollegin in der Schulleitung Susanne Keupp, Shimon & Naomi Schwarzschild, Anne Oberdorf, Leon Roth, Willi Stumpf, Aleyna Aydin, Melina Hörner.
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